Pankow wächst, die Aufgaben steigen. Gleichzeitig muss der Haushalt konsolidiert werden. Bezirksbürgermeisterin Cordelia Koch über Verantwortung, Zusammenhalt und klare Entscheidungen.
Frau Koch, Sie sind seit 2023 die erste bündnisgrüne Bezirksbürgermeisterin Pankows – Berlins größtem Bezirk. Was war die größte Überraschung für Sie?
„Wie wichtig die kleinen Momente sind! Ich bin eine Macherin und übernehme gerne Verantwortung. Früher dachte ich Grußworte sind eher Pflichtprogramm. Heute sehe ich das anders. Sie sind der Moment, in dem man Menschen sagt: Ihr gehört dazu, Eure Arbeit zählt. Darin sehe ich meine Aufgabe: diesen Bezirk zusammenzuhalten. In einer Zeit, in der vieles auseinanderdriftet.“
Sie sprechen oft über soziale Infrastruktur. Warum ist sie so zentral?
„Weil sie konkret wirkt. Ein Stadtteilzentrum, Sozialberatung oder ein Jugendclub: Dort wird Einsamkeit verhindert, werden Familien stabilisiert und sie entlasten am Ende auch den Staat.“
Haben Sie darum die Studie zum Social Return on Investment angestoßen?
„In Zeiten knapper Kassen stellt sich die Frage besonders: Wofür setzen wir das vorhandene Geld ein? Ich war schon immer fest davon überzeugt, dass sich Einsparungen bei Sozialausgaben am Ende rächen. Die Studie zeigt das: Investitionen in soziale Arbeit sind sinnvoll. 51 Cent von jedem Euro fließen bereits im ersten Jahr über Steuern und Sozialabgaben zurück an den Staat.“
Trotzdem steht Pankow finanziell unter Druck. Wie ist die Lage?
„Seit 2023 haben wir das Defizit jedes Jahr halbiert: von 13 Millionen Euro über 7 Millionen auf jetzt rund 3,5 Millionen Euro. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis klarer Prioritäten und konsequenter Steuerung. Gleichzeitig wächst Pankow stark. Wir müssen also beides schaffen: den Haushalt stabilisieren und den Bezirk funktionsfähig halten. Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung.
Ich stehe für eine Politik, die liefert. Auch wenn das bedeutet, abzuwägen und nicht immer die einfache Lösung zu wählen.“
Sie haben auch international gearbeitet. Prägt Sie das heute noch?
„Sehr. Ich habe im Libanon gesehen, was passiert, wenn staatliche Strukturen nicht tragen. Das hat meinen Blick verändert und mir gezeigt, was in Deutschland schützenswert ist, wie wichtig funktionierende Institutionen sind und wie viel sie im Alltag leisten. Seitdem ist für mich klar: Die Stabilität einer Gesellschaft entscheidet sich vor Ort – nicht in der großen Geste. Genau dafür übernehme ich Verantwortung: Pankow stabil zu halten und zusammenzuführen.“
Kritiker sagen, Politik verspreche oft viel, setze aber zu wenig um.
„Es gibt einen klaren Unterschied zwischen Fordern und Verantwortung übernehmen. Man kann Probleme beschreiben oder man trifft Entscheidungen, die funktionieren.“
Das Gespräch führte Lorenz Seeger.
