6. November 2013

Thälmann oder Teddy – Was machen wir mit der Geschichte?

Artikel von Almuth Tharan und Daniela Billig (verkehrspolitische Sprecherin / Vorsitzende der bündnisgrünen BVV-Fraktion), erschienen im BVV-Fraktions-Newsletter

Thälmann hat in der Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis zu seiner Ermordung 1944 als politischer Gegner in Haft gesessen. Er ist ermordet worden. In der DDR wurde Ernst Thälmann als Widerstandskämpfer verehrt. Im Rahmen des offiziellen antifaschistischen Gründungsmythos wurde ihm eine herausgehobene, fast ikonenhafte Stellung zugewiesen. Zahlreiche Straßen, Schulen, Betriebe trugen seien Namen, auch die Kinder- und Jugendorganisation, in der die Heranwachsenden zu „sozialistischen Persönlichkeiten erzogen“ werden sollten.

Das Leben von Ernst Thälmann wurde in der DDR immer behandelt, in der Pionierorganisation und im Unterricht. Bei den jüngeren Kindern kam Thälmann zunächst unter dem Kosenamen Teddy vor – mit Geschichten aus Thälmanns Haft, seine Beziehung zu seiner Familie, besonders zu seiner Tochter. Später spielte es mehrfacheine Rolle im Schulunterricht, sowohl seine Haft und seine Ermordung – wie auch die Zeit vor der Machtergreifung. Dabei wurde gelehrt, dass Thälmann und die KPD allen linken Kräften und besonders der SPD immer wieder eine Volksfront gegen die nationalsozialistische Bewegung angetragen habe, diese dieses Ansinnen jedoch abgelehnt habe – womit insinuiert wurde, dass die SPD so anti-nationalsozialistisch nicht gewesen sei oder dass sie nicht in der Lage gewesen sei, die Gefahr, die der Nationalsozialismus darstellte, zu erkennen.

Ich habe meine Geschichtsbücher aus dieser Zeit nicht mehr und so kann ich auch nicht aus diesen zitieren. Das hier wiedergegebene ist aber das, was bei mir – und so sicher auch bei vielen anderen DDR-Bürgern – hängengeblieben ist. Ich denke, dass dies auch genauso intendiert war.

Hinterfragt wurde keine der gelehrten Positionen – so ein Hinterfragen war nicht vorgesehen und teilweise wohl sogar undenkbar

Dass dies bis heute in einigen Köpfen weiterwirkt – wie einige Akteure aus dem Thälmannpark in den letzten Wochen bewiesen haben – zeigt, dass sich Einige bis heute nicht von der Indoktrination in der DDR befreit haben oder diese aus Romantik oder Bequemlichkeit übernommen haben.

Denn zu einem realistische Bild der Person Thälmann und der von ihm geführten KPD gehört nicht nur ihr Leiden von 1933 – 1945 (auch hier gab es im Geschichtsbild der DDR, wie es in der allgemeinen Öffentlichkeit und besonders an den Schulen verbreitet wurde, eine einseitige Darstellung, die eine Opfergruppe besonders herausstellte, und andere mehr oder weniger verschwieg). Zu diesem realistischen Bild gehört auch, dass Thälmann die „bolschewistische“ Linie der Komintern in der KPD durchsetzte und neben „Abweichlern“ in den eigenen Reihen, auch und insbesondere um die Vorherrschaft der KPD auf der linken Seite des politischen Spektrums kämpfte. Die SPD wurde wohl als bürgerlich oder als der-Weltrevolution-im-Wege-stehend betrachtet, als „linksfaschistisch“ diffamiert und zeitweise wohl ebenso stark oder sogar stärker bekämpft als die Nationalsozialisten. Dies zeigte 1931 der gemeinsame Versuch von NSDAP und KPD, die sozialdemokratische Landesregierung Preußens zu Fall zu bringen oder der BVG-Streik organisiert von diesen beiden Parteien 1932.

Dadurch haben Thälmann und die KPD den Nationalsozialisten in die Hände gespielt – was späteres Leiden nicht „entwertet“ oder gar rechtfertigt. Umgekehrt machen Leiden und Tod aber auch die Handlungsweisen vor der Machtergreifung nicht ungeschehen.

Nachdem 1989 die zweite Diktatur („die Diktatur des Proletariats“) im Deutschland des 20. Jahrhunderts überwunden wurde, ist jeder und jede Einzelne frei und aufgefordert, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen (oder es sein zu lassen) – was nicht geht, ist das unreflektierte Übernehmen von Bildern wie „Teddy 2.0“

Deutschland hat in seiner jüngeren Geschichte zwei Diktaturen überwunden. Und nun müssen wir uns fragen, wie wir mit den Relikten unserer Vergangenheit umgehen möchten. Wir wollen nicht die Erinnerung und die leidvollen Erfahrungen der Diktaturen auslöschen, und damit den Nachgeborenen die Chance nehmen, aus diesen Erfahrungen zu lernen und die Fehler der Vergangenheit in Zukunft zu vermeiden. Deshalb ist die Entfernung aus dem Straßenbild durch Umbenennung und Entfernung des Denkmals keine Lösungen. Im Grunde ginge ein solches Vorgehen am eigentlichen Problem vorbei. Das ist nicht Tonnen von Metall und Stein und der Name eines Wohngebiets, sondern eine unhinterfragte Konservierung des Geschichtsbilds, das hier in Metall und Stein gehauen wurde. Die Nicht-Auseinandersetzung mit diesem Geschichtsbild führt dann zu solchen Verzerrungen der Realität wie der Verklärung Ernst Thälmanns als Märtyrer, Kumpel oder „Kuscheltier 2.0“.

Dies wird den Ansprüchen einer demokratischen Gesellschaft nicht gerecht. Bündnis 90/Die Grünen akzeptieren keine Verehrung von Antidemokraten, seien es Thälmann oder Hindenburg. Stattdessen brauchen wir eine bewusste und tabulose Aufarbeitung der Geschichte. Und eine solche ist auch in unserem Bezirk immer noch notwendig.

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