Medien-Echo: TAZ

20. Februar 2018

Streit um das Pankower Tor

Kaufst du noch oder wohnst du schon

Der jahrelange Streit über das Großbauprojekt des Möbelkönigs Kurt Krieger eskaliert. Die Grünen fordern inzwischen sogar eine Enteignung.

Einen „Plan B“ nennt Andreas Otto (Grüne) seinen Vorschlag. Es ist ein Plan, der eines der wichtigsten städtebaulichen Vorhaben Berlins zurück auf Start setzen würde. Otto, der ein Direktmandat in Pankow für das Abgeordnetenhaus errungen hat, will dem Investor des 40 Hektar großen ehemaligen Güterbahnhofs zwischen den Bahnhöfen Pankow und Heinersdorf, dem Möbelkönig Kurt Krieger, das Projekt „Pankower Tor“ einfach wegschnappen. „Ich bin deshalb für einen Plan B, weil ich kein Vertrauen mehr in den Plan A habe“, sagt Otto der taz.

Für den „Plan A“ steht Sören Benn. Pankows Bezirksbürgermeister von der Linken will schaffen, woran alle Bezirkspolitiker vor ihm gescheitert sind. „Ich will das Projekt zu einem guten Abschluss bringen“, sagt Benn der taz. Bis Ostern will er mit Krieger und dem Senat eine Vereinbarung unterzeichnen. Dann könnte es, nach zehn Jahren Streit, endlich weitergehen mit dem 500 Millionen schweren Investitionsprojekt in Pankow.

Krieger, selbst gebürtiger Pankower, hatte das Grundstück 2009 von der ehemaligen Bahntochter Aurelis gekauft. Ziel war es, seine Möbelhäuser (Möbel Höffner, Möbel Kraft, Sconti) an einem Standort zusammenzuführen. Dar­über hinaus sollte ein großes Einkaufszentrum entstehen. Im Gegenzug bot er dem Bezirk zwei Grundstücke auf dem Gelände für dringend notwendige Schulneubauten an. (...)

Weil Krieger zugesagt hatte, 750 Wohnungen zu bauen, hatte der Senat seinen Widerstand gegen das Einkaufszentrum aufgegeben. Die Bedenken der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung waren zuvor von einem Gutachten entkräftet worden.

Drei Jahre Stillstand
Dass Andreas Otto sein Vertrauen in den „Plan A“ verloren hat, hat auch damit zu tun, dass seitdem nichts passiert ist. Ganz unschuldig daran sind die Grünen freilich nicht. Vor allem gegen das Shoppingcenter liefen viele von ihnen Sturm. Selbst als Krieger sich bereit erklärte, statt 750 Wohnungen 1.500 zu bauen, von denen ein Drittel für 6,50 Euro den Quadratmeter vermietet werden sollte, blieb der Widerstand groß.

Statt einer Shoppingmall plädierte der damalige grüne Baustadtrat und heutige Verkehrsstaatssekretär Jens-Holger Kirchner für mehrere Baublöcke mit Einkaufsmöglichkeiten in den Erdgeschosszonen. Dass eine Shoppingmall nicht mehr zeitgemäß ist, meinte auch der ehemalige Städtebauprofessor Wolfgang Christ von der Bauhaus-Universität Weimar. „Das Pankower Tor entspricht der amerikanischen Mall-Typologie der 1960er Jahre“, stellte Christ in einem Gutachten fest. Ebenfalls städtebaulich überholt seien die anschließenden Möbelhäuser, die „Grüne-Wiese-Typologie“ in Reinkultur an den Endpunkt der A114 implantierten. (...)

Doch inzwischen ist es Krieger, der bockt. So verfällt der historische Rundlokschuppen am Bahnhof Heinersdorf, obwohl Krieger laut der damaligen Vereinbarung für dessen baulichen Erhalt zuständig ist. Auch alle Planungsleistungen hat der Investor eingestellt. Offenbar spielt Krieger auf Zeit, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Krieger selbst äußert sich nicht mehr öffentlich zum Pankower Projekt.

Platz für Wohnungen
Für Andreas Otto ist es deshalb der richtige Zeitpunkt, seinen Plan B zu forcieren. „Ich möchte, dass das Gelände des Güterbahnhofs zu einem städtebaulichen Entwicklungsgebiet wird“, sagt er der taz. „Statt einer Shoppingmall soll es mehr Wohnungen geben.“ Eine Verdoppelung der geplanten Zahl auf 3.000 Wohnungen kann sich Otto vorstellen, so dass einmal 7.000 Menschen in einem neuen Pankower Stadtviertel leben. (...)

Um das zu erreichen, müsste freilich der Senat das Genehmigungsverfahren an sich ziehen. Otto geht noch einen Schritt weiter. „Wenn sich Krieger nicht auf die städtebaulichen Ziele eines Entwicklungsgebietes einlässt, kann der Senat das Grundstück zum Verkehrswert kaufen.“ Enteignung mit Entschädigung also. Otto räumt ein, dass sein Vorstoß auch ein Denkanstoß werden kann. „Wenn Plan B nicht kommt, wäre es schade. Aber wenn dann der Plan A besser wird, ist es mir auch recht.“ (...)

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