Aktuelle Gedanken zum 9. November 1989

Die Gedenkveranstaltung an der Böhsebrücke hat bei mir wieder die Frage aufgeworfen, was mir der 9. November bedeutet:

Das Wissen um das Recht auf eine eigene Meinung und darauf, diese ohne
Angst vor Repression vertreten zu dürfen. Das Recht auf Selbstverwirklichung
unabhängig von Weltanschauungen und Religion.

Und das Wissen, dass Staat niemals Selbstzweck sein darf, sondern
lediglich Mittel zur Umsetzung gesellschaftlichen Willens. In dem Moment, in dem er dieses aus den Augen verliert, verliert er
seine Legitimation.

Es ist traurig, dass der 9. November 1989 in der Umsetzung der Wiedervereinigung aus meiner Sicht überwiegend aus einem Schwarz-Weiss-denken "DDR oder BRD" bestand.

Ich halte die DDR übrigens für vieles – nur eben nicht für einen sozialen Staat. Vermutlich war sie betriebswirtschaftlicher ausgerichtet, als es den Anschein hat - Die Mütter und Väter mussten (Elternzeit, was ist das?) kurz nach der Geburt des Kindes zurück an den Arbeitsplatz - jede Arbeitskraft wurde gebraucht - und Rentner durften - natürlich ohne Rentenanspruch aus der DDR - im Gegensatz zu ihrem Nachwuchs,
der noch benötigt wurde, in den Westen ausreisen. Politisch inhaftierte wurden gegen Devisen an die BRD verkauft.

Dumm nur, dass zumindest unter den politischen Entscheidern vermutlich niemand so richtig Ahnung von Volkswirtschaftslehre hatte... (Einen kurzen Ausflug in die aktuelle EU-Schuldenkrise zum Vergleich spare ich mir aber jetzt.....!), aber wer sich politisch betrachtet ruhig verhielt, konnte sicher sein, dass er nicht zurückgelassen wird. Viele schauen heute noch mit Wehmut zurück auf einen anderen gesellschaftlichen (wenn auch oftmals von oben organisierten) Zusammenhalt.

Wo ist der Mittelweg zwischen der Möglichkeit zur Selbstverwirklichung und des gesellschaftlichen Zusammenhalts (Ohne Bevormundung von oben)?

Wie kann ein Wirtschaftssystem mit vernünftigerer Ressourcennutzung und -Verwertung aussehen, welches sich nicht auf das Ziel der Gewinnmaximierung konzentriert - koste, was es wolle? Ein Wirtschaftssystem, dass den Menschen im Zweifel nicht ans Ende der Prioritätenliste stellt?

Ein Wirtschaftssystem, welches Konsumgüter nicht in Massen für die Mülltonnen dieser Welt überproduziert, um Preise zu drücken - auf Kosten von Menschen in Ländern, die wir dann hinterher zu Weihnachten mit einem mitleidigen aber auch selbstgoutierenden Lächeln beim Ausfüllen des Überweisungsträgers mit Spenden "beglücken"?

Ein Wirtschaftssystem, welches die Märkte anderer Staaten nicht kaputt macht, indem es z.Bsp. Preise für Lebensmittel durch Subventionen drückt und mit diesen Billigprodukten dann andere Märkte überschwemmt, die mit unserem Produktionsstandard nicht mithalten können? Ein Wirtschaftssystem, welches nicht Lebensmittel ärmerer Länder in unseren Autos vertankt, weil uns gerade die fossilen Brennstoffe ausgehen?

Ein Wirtschaftssystem, welches den Minijob nicht als Ausweg aus der Arbeitslosigkeit preist und mir nicht erklärt, dass wir derzeit mit unter 3 Mio. Arbeitslosen auf die Vollbeschäftigung zurasen, während eine andere offizielle Statistik von 5,5 Mio. HartzIV-Empfängern spricht. (Ein aufstockender HartzIV-Empfänger ist per rechtlicher Definition nicht zwangsläufig ein Arbeitsloser...). Wir brauchen neue Maßstäbe!

Ich bin sicher, dass wir dieses Wirtschafts- und Gesellschaftssystem nicht "von oben" bekommen, sondern nur durch kritisches Hinterfragen und Handeln erreichen können. Durch mündige Bürger, die sich nicht als Konsumenten definieren lassen. Durch ehrenamtliches Engagement in Vereinen. Durch politisches Engagement in Parteien. Dadurch, dass wir uns nicht mehr gedanklich an das Ende der Entscheidungskette stellen. Ein einzelner ist nicht der Nabel der Welt, aber auch nicht völlig machtlos.

Der 9. November bedeutet für mich die Feststellung, dass wir es als Gesellschaft sind, die die Umstände bestimmt, in denen wir leben. Eine Gesellschaft, die weiß, was sie möchte, und auch dafür eintritt, wird auch die Politiker wählen und bekommen, die sie braucht.

Der 9. November bedeutet für mich, mit meinen eigenen Vorstellungen und ohne Angst in eine Oppositionspartei eintreten und dafür kämpfen zu können, dass sie ihre Ziele auch bald in der Regierung verfolgen kann.


Dieser Staat ist nicht perfekt, aber er bietet uns die Möglichkeiten, ihn besser zu machen (Was schon an sich eine erhebliche Verbesserung zu Allem davor dagewesenen ist…).

Es liegt an uns, diese Möglichkeiten zu nutzen.
Spätestens seit dem 9. November 1989.

Marco Fechner

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